430.000 Menschen in Deutschland mit Glücksspielproblemen Quelle: BZgA, 2023
200.000 Pathologische Spieler Quelle: BZgA, 2023
5-7 Angehörige pro Betroffenen mitbetroffen Quelle: Fachverbände

Was ist Spielsucht?

Pathologisches Glücksspiel ist eine anerkannte psychische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen massiv beeinträchtigt. Es beginnt oft schleichend und entwickelt sich über Jahre.

Definition nach ICD-11

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert pathologisches Glücksspiel als wiederholtes Spielverhalten, das trotz negativer persönlicher, familiärer, sozialer, schulischer, beruflicher oder finanzieller Konsequenzen fortgesetzt oder eskaliert wird.

Das zentrale Merkmal ist der Kontrollverlust: Betroffene können weder die Häufigkeit noch die Höhe der Einsätze kontrollieren, selbst wenn sie sich dessen bewusst sind.

Die drei Phasen der Spielsucht

Spielsucht entwickelt sich typischerweise in drei Phasen:

1

Gewinnphase (Einstieg)

Am Anfang stehen oft positive Erlebnisse: Anfangsgewinne, Nervenkitzel, Ablenkung vom Alltag. Das Spielen macht Spaß und scheint kontrollierbar. Gelegentliche Verluste werden als Teil des Spiels akzeptiert. Diese Phase kann Monate bis Jahre dauern.

2

Verlustphase (Kritischer Punkt)

Die Einsätze steigen, Verluste häufen sich. Es beginnt die „Verlustjagd" – der verzweifelte Versuch, Verluste durch weiteres Spielen auszugleichen. Lügen gegenüber Angehörigen, erste finanzielle Probleme, zunehmende gedankliche Beschäftigung mit dem Spielen. Das soziale Umfeld bemerkt erste Veränderungen.

3

Verzweiflungsphase (Sucht)

Totaler Kontrollverlust. Das Spielen bestimmt den gesamten Tagesablauf. Massive finanzielle Probleme, Schulden, Verlust von Beziehungen und Job. Verzweiflung, Depression, Suizidgedanken sind keine Seltenheit. Ohne professionelle Hilfe ist ein Ausstieg kaum möglich.

Warnsignale erkennen

Je früher problematisches Spielverhalten erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Achten Sie auf folgende Warnsignale bei sich selbst oder anderen:

Kontrollverlust

Sie spielen länger oder mit höheren Einsätzen als geplant. Versuche, das Spielen zu reduzieren oder aufzuhören, scheitern wiederholt. Das Spielen fühlt sich nicht mehr freiwillig an.

Gedankliche Vereinnahmung

Sie denken ständig ans Spielen, planen die nächste Session, überdenken vergangene Spiele. Andere Interessen verlieren an Bedeutung. Alltägliche Aufgaben werden vernachlässigt.

Toleranzentwicklung

Sie brauchen immer höhere Einsätze oder längere Spielzeiten, um den gleichen Kick zu spüren. Kleine Einsätze reizen nicht mehr. Der Nervenkitzel wird zur Droge.

Entzugserscheinungen

Wenn Sie nicht spielen können, werden Sie unruhig, gereizt oder depressiv. Körperliche Symptome wie Schwitzen, Zittern oder Schlafstörungen treten auf.

Verlustjagd (Chasing)

Nach Verlusten kehren Sie am nächsten Tag zurück, um das verlorene Geld zurückzugewinnen. Dieser Teufelskreis führt zu immer höheren Verlusten und zunehmender Verzweiflung.

Verheimlichung und Lügen

Sie verheimlichen das Ausmaß Ihres Spielens vor Familie und Freunden. Sie lügen über Verluste, Schulden oder wo Sie Ihre Zeit verbringen. Isolation nimmt zu.

Finanzielle Probleme

Rechnungen können nicht mehr bezahlt werden, Konten werden überzogen, Kredite aufgenommen. Sie leihen sich Geld von Freunden oder Familie. Verschuldung nimmt rapide zu.

Vernachlässigung

Beziehungen, Beruf, Hobbys und Selbstfürsorge werden vernachlässigt. Das Spielen hat höchste Priorität. Soziale Isolation und berufliche Probleme häufen sich.

Rechtfertigungen

Sie finden ständig Gründe, warum Sie spielen „müssen" oder dass es „diesmal anders wird". Verdrängung und Selbsttäuschung nehmen zu. Problemeinsicht fehlt.

Selbsttest – Bin ich gefährdet?

Beantworten Sie die folgenden Fragen ehrlich. Dieser Test ersetzt keine professionelle Diagnose, kann aber erste Hinweise geben.

12 Fragen zur Selbsteinschätzung

Basierend auf den Kriterien der Anonymen Spieler und anerkannten diagnostischen Verfahren

Hilfsangebote in Deutschland

Sie sind nicht allein. In Deutschland gibt es ein dichtes Netz an Hilfsangeboten – kostenlos, professionell und vertraulich.

📞

BZgA Beratungstelefon

Bundesweite telefonische Beratung durch qualifizierte Fachkräfte. Anonym und kostenlos aus dem deutschen Festnetz und Mobilfunknetz.

0800 1 37 27 00

Mo–Do 10–22 Uhr, Fr–So 10–18 Uhr

💻

Online-Beratung

Chat- und E-Mail-Beratung für alle, die lieber schreiben als telefonieren. Anonym und zeitlich flexibel.

check-dein-spiel.de

Antwort innerhalb von 48 Stunden

🏥

Suchtberatungsstellen

Persönliche Beratung vor Ort in über 1.400 Beratungsstellen bundesweit. Kostenlos und auf Wunsch anonym.

Beratungsstelle finden

Termine nach Vereinbarung

👥

Anonyme Spieler (GA)

Selbsthilfegruppen nach dem 12-Schritte-Programm. Austausch mit anderen Betroffenen in einem geschützten Rahmen.

anonyme-spieler.org

Treffen bundesweit, meist wöchentlich

🛡️

OASIS Selbstsperre

Sperrsystem für Spielhallen und Online-Casinos mit deutscher Lizenz. Sperrdauer mindestens 3 Monate.

oasis-sperre.de

Online-Registrierung möglich

👨‍👩‍👧

Angehörigen-Beratung

Spezielle Beratung für Angehörige von Glücksspielsüchtigen. Unterstützung beim Umgang mit der Situation.

spielen-mit-verantwortung.de

Informationen und Kontakte

Wichtig zu wissen

Alle genannten Hilfsangebote unterliegen der Schweigepflicht. Sie müssen keine Angst haben, dass Informationen an Dritte weitergegeben werden. Die Inanspruchnahme von Hilfe ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke und Verantwortung.

Die Behandlung von Spielsucht wird in Deutschland von den Krankenkassen übernommen. Sie entstehen keine Kosten für Beratung, ambulante oder stationäre Therapie.

Tools für verantwortungsvolles Spielen

Vorbeugen ist besser als heilen. Diese Werkzeuge helfen Ihnen, die Kontrolle zu behalten.

1

Einzahlungslimits setzen

Definieren Sie im Voraus, wie viel Geld Sie maximal pro Tag, Woche oder Monat einzahlen möchten. Seriöse Casinos ermöglichen das Festlegen solcher Limits direkt im Konto. Wichtig: Limits sollten nicht spontan erhöht werden können – eine Wartezeit von 24-72 Stunden ist sinnvoll.

2

Zeitlimits verwenden

Legen Sie fest, wie lange Sie spielen möchten. Viele Casinos bieten automatische Erinnerungen oder Session-Timer. Nach Ablauf der Zeit sollten Sie eine Pause einlegen. Tipp: Stellen Sie sich einen Wecker auf Ihrem Handy, der Sie an die vereinbarte Spielzeit erinnert.

3

Verlustlimits definieren

Bestimmen Sie vor dem Spielen, wie viel Verlust Sie akzeptieren können. Wenn dieses Limit erreicht ist, hören Sie auf – ohne Ausnahme. Niemals dem Verlust hinterherjagen. Diese Regel ist die wichtigste für verantwortungsvolles Spielen.

4

Reality Checks aktivieren

Reality Checks sind Pop-ups, die während des Spielens erscheinen und Sie über Ihre Spielzeit und Gewinne/Verluste informieren. Sie helfen, das Zeitgefühl zu bewahren und impulsive Entscheidungen zu vermeiden. In vielen regulierten Casinos sind sie Pflicht.

5

Temporäre Auszeiten nehmen

Wenn Sie merken, dass das Spielen zu viel Raum einnimmt, nutzen Sie die Option einer temporären Selbstsperre (24 Stunden, 7 Tage, 30 Tage). In dieser Zeit können Sie weder einzahlen noch spielen. Nutzen Sie die Pause zur Reflexion.

6

Permanente Selbstsperre

Bei ernsthaften Problemen ist eine dauerhafte Selbstsperre der richtige Schritt. Bei deutschen Casinos können Sie sich über OASIS sperren lassen – die Sperre gilt dann für alle lizenzierten Anbieter. Bei internationalen Casinos müssen Sie sich bei jedem Anbieter einzeln sperren.

Goldene Regeln für sicheres Spielen

  • Spielen Sie nur mit Geld, dessen Verlust Sie sich leisten können
  • Setzen Sie niemals Geld ein, das für Miete, Lebensmittel oder Rechnungen gedacht ist
  • Spielen Sie nicht unter Alkohol- oder Drogeneinfluss
  • Nutzen Sie Glücksspiel nicht als Flucht vor Problemen oder negativen Gefühlen
  • Versuchen Sie niemals, Verluste durch weiteres Spielen auszugleichen
  • Nehmen Sie keine Kredite auf, um zu spielen
  • Spielen Sie nicht, wenn Sie emotional aufgewühlt sind (Wut, Trauer, Stress)
  • Machen Sie regelmäßig längere Pausen vom Spielen
  • Behalten Sie andere Hobbys und soziale Kontakte bei
  • Sprechen Sie offen über Ihr Spielverhalten mit Vertrauenspersonen

Hinweise für Angehörige

Angehörige von Glücksspielsüchtigen leiden oft genauso wie die Betroffenen selbst. Sie befinden sich in einer schwierigen Situation zwischen Helfen-Wollen und Abgrenzung.

Typische Anzeichen bei Angehörigen

  • Plötzliche finanzielle Engpässe oder unerklärliche Schulden
  • Geheimhaltung bezüglich Geldangelegenheiten
  • Häufiges Fehlen oder Unpünktlichkeit ohne plausible Erklärung
  • Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Depressivität
  • Rückzug aus dem sozialen Leben
  • Lügen über den Verbleib oder die Verwendung von Geld
  • Bitten um Geld mit fadenscheinigen Begründungen
  • Wertgegenstände verschwinden oder werden verkauft

Was Sie tun können

  • Sprechen Sie das Problem offen und ohne Vorwürfe an
  • Informieren Sie sich über Spielsucht und Hilfsangebote
  • Setzen Sie klare Grenzen (kein Geld leihen, keine Schulden übernehmen)
  • Ermutigen Sie zur professionellen Hilfe, aber zwingen Sie nicht
  • Holen Sie sich selbst Unterstützung (Angehörigengruppen)
  • Achten Sie auf Ihre eigene Gesundheit
  • Übernehmen Sie nicht die Verantwortung für das Spielen
  • Bleiben Sie konsequent, aber zeigen Sie, dass Sie da sind

Was Sie vermeiden sollten

  • Schulden des Betroffenen übernehmen oder ausgleichen
  • Geld leihen, auch wenn es mit Rückzahlung versprochen wird
  • Ständige Vorwürfe und Kontrolle – dies führt zu mehr Verheimlichung
  • Das Problem ignorieren oder verharmlosen
  • Sich selbst aufopfern oder vernachlässigen
  • Die eigenen Ersparnisse für den Spielenden riskieren
  • Lügen des Betroffenen decken (z.B. gegenüber dem Arbeitgeber)

Hilfe für Angehörige

Angehörige brauchen genauso Unterstützung wie die Betroffenen selbst. Es gibt spezielle Beratungsangebote und Selbsthilfegruppen für Angehörige von Glücksspielsüchtigen.

Angehörigen-Hotline der BZgA: 0800 1 37 27 00

Gam-Anon (Angehörige von Anonyme Spieler): www.gam-anon.de

Schutz von Minderjährigen

Glücksspiel ist in Deutschland erst ab 18 Jahren erlaubt. Online-Casinos ohne deutsche Lizenz haben oft weniger strenge Kontrollen – umso wichtiger ist es, Kinder und Jugendliche aktiv zu schützen.

Warum Minderjährige besonders gefährdet sind

Jugendliche sind anfälliger für Spielsucht als Erwachsene. Ihr Gehirn ist noch nicht vollständig entwickelt, insbesondere die Bereiche für Impulskontrolle und Risikoabwägung. Frühes Glücksspiel erhöht das Risiko für spätere Suchtprobleme um das 4- bis 5-fache.

Maßnahmen für Eltern

  • Aufklärung: Sprechen Sie offen über die Risiken von Glücksspiel. Erklären Sie, dass die Casinos immer gewinnen und Glücksspiel keine Einnahmequelle ist.
  • Vorbildfunktion: Reflektieren Sie Ihr eigenes Spielverhalten. Kinder orientieren sich am Verhalten der Eltern.
  • Technische Schutzmaßnahmen: Nutzen Sie Jugendschutzfilter und Kindersicherungen auf Computern, Tablets und Smartphones.
  • Zahlungsmittel sichern: Bewahren Sie Kreditkarten und Online-Banking-Zugänge sicher auf. Jugendliche nutzen manchmal die Daten der Eltern zum Spielen.
  • Aufmerksamkeit: Achten Sie auf Warnsignale wie unerklärliche Geldausgaben, Heimlichkeit beim Computer-Nutzen oder sozialem Rückzug.
  • Alternativen bieten: Fördern Sie andere Hobbys und soziale Aktivitäten als Ausgleich.

Software für Jugendschutz

Es gibt spezielle Filterprogramme, die den Zugang zu Glücksspiel-Websites blockieren:

  • JusProg: Kostenlose Jugendschutzsoftware für Windows und Android
  • Windows Family Safety: Integriert in Windows 10/11
  • Screen Time (iOS): Einstellungen für iPhones und iPads
  • Google Family Link: Für Android-Geräte von Kindern

Hilfe ist nur einen Schritt entfernt

Ob Sie selbst betroffen sind oder sich um jemanden sorgen – zögern Sie nicht, Unterstützung zu suchen. Je früher Sie handeln, desto besser sind die Erfolgsaussichten.